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Von Hopper bis in unsere Zeit: Als Präsenz der Repräsentation wich

Es gab eine Zeit, da bedeutete Begegnung wahre Anwesenheit. Heute sind wir ständig vernetzt, aber oft voneinander entfernt. Zwischen „La Dolce Vita“ und Hoppers Einsamkeit entsteht das Porträt einer Ära, die Präsenz durch Repräsentation ersetzte.

Von Hopper bis in unsere Zeit: Als Präsenz der Repräsentation wich

Es gab einen Sommer, in dem das Leben noch den Menschen zu gehören schien. Nicht unbedingt ein besseres, einfacheres oder glücklicheres Leben, aber gewiss ein körperlicheres, ein offeneres, in dem Beziehungen die Präsenz und die Worte der Vergangenheit brauchten. Es war der Sommer von „La Dolce Vita“, den Fellini mit seinen Bildern von Rom, den Autos, den Cafés, den Terrassen, den Partys, den Lieben und den scheinbar endlosen Nächten beschrieb. Doch jenseits des Glamours verkörperte diese Jahreszeit vor allem eine Art des Zusammenseins: Menschen begegneten sich, unterhielten sich, stritten, verliebten sich und wurden enttäuscht. Beziehungen hatten einen Ort, eine Zeit und vor allem einen Körper. Um mit jemandem zu sprechen, musste man ihn suchen. Ein Telefonat hatte einen Anfang und ein Ende, ein Brief brauchte Zeit, ein Treffen barg die Möglichkeit, von dem, was der andere sagen würde, überrascht zu werden. Gespräche konnten Stunden dauern und hatten nicht unbedingt ein Ziel. Wir sprachen über Politik, Kino, Liebe, Geld, die Zukunft und sprangen oft von einem Thema zum anderen, ohne uns um einen Schluss zu bemühen. Es lag noch eine gewisse Freiheit darin, widersprüchlich zu sein, seine Meinung zu ändern, seine Schwächen offenzulegen, ohne sie sofort in etwas Vorzeigbares verwandeln zu müssen.

Freundschaften und geteilte Emotionen auf digitalen Plattformen

Heute leben wir in einer scheinbar gegensätzlichen Situation. Wir sind ständig erreichbar, aber das bedeutet nicht, dass wir uns näher gekommen sind. Freundschaften werden digital gepflegt, berufliche Beziehungen über E-Mails und SMS ausgedrückt, Gefühle werden durch Fotos, kurze Texte, Icons und Bilder vermittelt, die nach und nach die Komplexität eines Gesprächs ersetzen. Wir haben die Kommunikationsmöglichkeiten so vervielfacht, dass Schweigen fast unmöglich geworden ist, aber dabei haben wir vielleicht etwas Wesentliches verloren: die Fähigkeit, wirklich zu sprechen.

Hier kann Kunst zu einem außergewöhnlichen Werkzeug werden, um die Gegenwart zu deuten.

Um diesen Wandel zu veranschaulichen, mehr noch als die Nostalgie für das Dolce Vita, kommt mir ein Gemälde in den Sinn. Edward Hopper: NighthawksDas 1942 entstandene Gemälde zeigt vier Menschen, die nachts in einem amerikanischen Diner beisammensitzen. Sie sitzen dicht beieinander, nur durch eine Theke und ein großes Fenster getrennt, und sind in das künstliche Licht des Diners getaucht, während die Stadt um sie herum wie ausgestorben wirkt. Scheinbar geschieht nichts. Doch gerade in dieser stillen Szene gelingt es Hopper, einen der tiefgreifendsten Aspekte der Moderne zu vermitteln: die Distanz zwischen Menschen, selbst wenn sie sich physisch nahe sind. Hopper schilderte diese Einsamkeit lange vor dem Aufkommen des Internets und der sozialen Netzwerke, und gerade deshalb wirkt sein Werk heute überraschend prophetisch. Das große Fenster des Diners kann als Metapher für den Bildschirm unserer Zeit gelesen werden: Es erlaubt uns, andere zu sehen, gesehen zu werden, ständig zu wissen, was sie tun, aber nicht unbedingt, sie zu erreichen. Distanz ist nicht länger geografisch. Sie ist emotional, psychologisch, manchmal sogar existenziell.

Unsere Zeit hat auch die Art und Weise, wie wir unsere Identität konstruieren, grundlegend verändert.

Wir haben gelernt, Fotos auszuwählen, Worte zu wählen, zu entscheiden, was wir zeigen und was wir ausblenden. Jeder kann zum Autor seiner eigenen Darstellung werden und Tag für Tag eine geordnetere, interessantere, glücklichere und selbstbewusstere Version seiner selbst erschaffen – als die, die das reale Leben fast nie zulässt. Wir zeigen nicht nur, wer wir sind, sondern auch, wer wir von anderen wahrgenommen werden wollen. Dies ist vielleicht eine der subtilsten Formen der modernen Einsamkeit. Wir haben nicht mehr nur Angst vor dem Alleinsein, sondern davor, in unserer Authentizität gesehen zu werden. Wahrhaftig gekannt zu werden bedeutet, anderen zu erlauben, auch unsere Widersprüche, unsere Schwächen, unsere Fehler und die Tage, an denen wir nichts zu sagen haben, zu erleben. Es bedeutet zu akzeptieren, dass wir nicht immer interessant, begehrenswert, effizient oder glücklich sind. In einer Gesellschaft, die auf Repräsentation basiert, kann diese Unvollkommenheit beinahe zu einer Form von Mut werden. Deshalb ist der Übergang vom Dolce Vita zu unserer Gegenwart nicht einfach der Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter. Es ist der Übergang von Präsenz zu Repräsentation. Einst konnte man uns kennenlernen, weil man einen Teil seines Lebens mit uns geteilt hatte; heute lernt man uns durch eine Auswahl an Bildern und Worten kennen, die wir teilen. Im ersten Fall begegnet man uns in unserer Komplexität; im zweiten Fall werden wir oft durch eine von uns selbst konstruierte Erzählung betrachtet. Der Unterschied ist nicht unerheblich. Repräsentation ermöglicht Kontrolle, während Präsenz immer ein gewisses Maß an Unvorhersehbarkeit mit sich bringt. Wenn wir jemandem tatsächlich gegenüberstehen, können wir nicht sofort ändern, was er von uns denkt, einen Satz korrigieren, einen Gesichtsausdruck auslöschen oder ein Foto durch ein gelungeneres ersetzen. Eine echte Begegnung birgt ein gewisses Risiko. Und genau dieses Risiko macht eine Beziehung authentisch.

Was ist verloren gegangen?

Vielleicht ist es genau das, was wir, ohne es zu merken, verloren haben. Nicht so sehr das Dolce Vita in seiner mondänen Dimension mit seinen Partys, seinem Luxus und seinen filmischen Bildern, sondern vielmehr die Freiheit zu leben, ohne das Leben ständig in ein Bild verwandeln zu müssen. Die Freiheit eines Gesprächs, das nicht produktiv sein muss, einer Freundschaft, die nicht zur Schau gestellt werden muss, einer Liebe, die nicht erzählt werden muss, eines Abends, der enden kann, ohne digitale Spuren zu hinterlassen. In diesem Sinne gehört Hopper nicht nur zur Geschichte der amerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Malerei spricht auch heute noch zu uns, weil sie nicht einfach nur Einsamkeit darstellt, sondern die Schwierigkeit der Begegnung. Seine Figuren sind nicht unbedingt durch physische Distanz getrennt, sondern durch etwas viel Schwereres. Sie befinden sich am selben Ort und scheinen doch in verschiedenen Welten zu leben. Dies ist vielleicht das treffendste Bild unserer heutigen Welt: einer Welt, in der wir gleichzeitig mit Hunderten von Menschen in Kontakt stehen und uns zutiefst allein vor einem Bildschirm fühlen können. Wir verfügen über mehr Mittel, uns auszudrücken, als je zuvor in einer anderen Epoche, und paradoxerweise haben wir immer weniger Möglichkeiten, einfach wir selbst zu sein.

Eine offenkundige Einsamkeit

Wahre Sehnsucht nach dem Dolce Vita sollte also keine Sehnsucht nach einer unwiederbringlichen Ära sein. Sie sollte sich vielmehr mit der Gegenwart auseinandersetzen. Damit, wie sehr wir noch fähig sind, miteinander zusammen zu sein, ohne uns selbst darzustellen, zuzuhören, ohne sofort zu antworten, zu sprechen, ohne jeden Gedanken in eine Botschaft zu verwandeln, einen Moment zu erleben, ohne das Bedürfnis zu verspüren, ihn zu fotografieren. Genau das macht den Dolce Vita aus. Nighthawks Noch immer so verstörend und aktuell. Hopper malt vier Menschen, die im selben Raum unter hellem Licht versammelt sind, während draußen die Stadt still ist. Niemand scheint wirklich allein zu sein, und gerade deshalb wird ihre Einsamkeit umso deutlicher. Mehr als achtzig Jahre später könnte diese Szene die perfekte Verkörperung unseres Sommers sein: eine vernetzte Welt voller Bilder, Botschaften und Gespräche, in der die schwierigste Frage dieselbe bleibt: Wie fähig sind wir heute, einander wirklich zu begegnen?

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